René Stauffer: "Federers Faszination erlegen“
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René Stauffer: "Federers Faszination erlegen“

Bereits 24 Mal berichtete der Thurgauer René Stauffer aus Wimbledon, wo die Tennisstars vom 25. Juni bis 8. Juli und drei Wochen danach auch an den Olympischen Spielen wieder aufschlagen. Mit 76 Grand-Slam-Turnieren gehört er zu den international erfahrensten Tennisjournalisten.

 

Im Interview mit sport-fan.ch spricht der seit 1995 in Müllheim wohnhafte Autor der Federer-Biografie „das Tennisgenie“ über seine Thurgauer Wurzeln und die bevorstehenden Olympischen Spiele in London, auf die sich der Sportredaktor des Zürcher Tages-Anzeigers und der SonntagsZeitung speziell freut.

 

Das Interview wurde von Mike Gadient geführt

René Stauffer wurde 1959 in Münsterlingen geboren, wuchs in Weinfelden auf und erwarb an der Kantonsschule Frauenfeld das Handelsdiplom. Mit 18 Jahren zog er aus dem Elternheim aus und lebte in Paris sowie 15 Jahre lang im Grossraum Zürich.

Den Einstieg in den Journalismus realisierte René Stauffer 1981 mit der Bewerbung für die Ringier Journalistenschule. Das Angebot des damaligen Blick-Chefredaktors Peter Übersax, ihn für den vorderen Bund des Boulevardblattes zu verpflichten, lehnte Stauffer dankend ab und nahm eine Stelle auf der Sportredaktion an. „Ich habe das nie bereut, schon bald konnte ich grosse Ereignisse abdecken, kam sofort zum Tennis und schrieb lange über Eishockey“, schildert René Stauffer, der später drei Jahre lang beim eingegangenen Zürcher Fachblatt „Sport“ und nun seit 1993 beim Tagesanzeiger und der SonntagsZeitung in den Sparten Tennis und Golf tätig ist.

Der Autor der mehrfach übersetzten und aktualisierten Federer-Biografie ist übrigens seit Gründung Mitglied des Golfclub Lipperswil. Sein Handicap liegt bei 20,4.

 

René Stauffer gehört er zu den international erfahrensten Tennisjournalisten.

 

René Stauffer, haben Sie neben der Golfpassion einen weiteren Bezug zum Thurgauer Sport?

Ich spielte in meiner Jugend Eishockey beim damaligen EHC Weinfelden und fieberte jeweils bei den Erstligapartien des Klubs mit. Diese alte Liebe ist geblieben. Ich schaue, dass ich jede Saison zwei, drei Partien des HC Thurgau live verfolgen kann. Meine Tochter Jessica hat auch Freude daran gefunden.

 

Wie entstand die Faszination fürs Tennis? Haben Sie selbst einmal zum Racket gegriffen?

Weil ich schon Eishockey spielte, durfte ich von meinen Eltern aus nicht auch noch Tennis spielen - obwohl wir nahe beim TC Weinfelden wohnten. Ich schaute den Spielen dann jeweils vom damaligen Klubhausdach bei der Brauerei zu und schlug mit dem Schläger meiner Schwester, die im Klub war, stundenlang Bälle an die Hauswand.

Ich war später einige Jahre Mitglied im Tennis Club Matzingen. Interclub spielte ich aber nur für den TC Schlösseri/Schwerzenbach. Und das sehr hobbymässig, auch wenn meine doppelhändige Rückhand ziemlich giftig war…

 

Welche Regel würden Sie im Tennis am liebsten abschaffen?

Aufschläge, die das Netz berühren, aber im Feld landen, sollten meiner Meinung nach zählen und nicht wiederholt werden müssen. Meistens hat die Netzberührung ohnehin keine Folgen. Und wenn ein Aufschlag plötzlich zum Netzroller würde, brächte das Stimmung.

Und ich finde, dass die Schiedsrichter die Zeitregel stärker durchsetzen sollten bei „Langsamspielern“ wie Rafael Nadal und Novak Djokovic.

 

Was fasziniert Sie an Roger Federers Tennisstil?

Es ist tatsächlich faszinierend, weil er derart unberechenbar und vielseitig ist und teilweise unkonventionelle Schläge einstreut, die nur er richtig beherrscht. Fast noch faszinierender ist aber der Mensch Roger Federer, den ich glücklicherweise seit seinem 15. Lebensjahr kenne. Ich habe in meiner Biografie versucht, seinen Weg und sein Wesen nachzuzeichnen. Auch aufgrund der Reaktionen darauf – das Buch liegt inzwischen in zehn Sprachen vor – ist mir klar geworden, wie viele Leute auf der ganzen Welt seiner Faszination erlegen sind.

 

René Stauffer schrieb die Biografie über Roger Federer (Bilder © Keystone)

 

Wie sieht der komplette Tennisakteur aus, wenn Sie von jedem Spieler auf der Tour dessen Stärke übernehmen könnten?

Ich würde die Beinarbeit und den Kopf von Novak Djokovic nehmen, die Vorhand von Roger Federer, die Rückhand von Rafael Nadal, den Aufschlag von Milos Raonic und die Flugbälle von John McEnroe Ausgabe 1984.

 

Wer ist nach Ihrer Meinung der grösste Tennisspieler aller Zeiten?

Das ist eine unendliche Diskussion, bei der die Wogen hoch gehen. Roger Federer hat mit dem Rekord an Grand-Slam-Titeln und seiner Dominanz in den Jahren 2004 bis 2007 sicher ausgezeichnete Argumente. Aber man muss auch sehen, dass die Zahl der Grand-Slam-Titel relativ ist, weil diese Turniere früher nicht so wichtig waren wie heute und auch weniger konsequent gespielt wurden.

Herausragend bleibt aber Rod Laver, der 1962 und 1969 mit dem Gewinn aller vier grossen Meisterschaften gleich zweimal den Grand Slam schaffte.

Ich würde die verschiedenen Epochen gar nicht miteinander vergleichen. Wenn man heute die Duelle zwischen Björn Borg und John McEnroe von früher anschaut, wirkt das wie Zeitlupentennis.

 

Wenn Roger Federer einmal eine Vorhand verschlägt, dann stockt dem Publikum der Atem. Werden seine Erfolge als Selbstverständlichkeit angeschaut?

Natürlich hat er seine Fans und die Sportöffentlichkeit mit seinen Erfolgen verwöhnt. Bei einem kleinen Nachlassen heisst es sofort, er sei am Ende.

Er habe, sagte er einmal, ein Monster geschaffen mit seinen Erfolgen. Dabei ist er über all die Jahre der konstanteste Spieler, den ich kenne. Seit seinem ersten Wimbledonsieg 2003 war er immer vorne dabei und fiel nie weiter als bis auf Rang 4 zurück.

 

Die Vorhand von Roger Federer beeindruckt (Bilder © Keystone)

 

Was war das beste Tennisspiel, über das Sie berichten durften?

Eine solch absolute Wertung ist für mich unmöglich. Am unvergesslichsten sind aber einige der Partien zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Unter anderem der Final in Rom 2006, der über fünf Stunden dauerte und in dem Federer zwei Matchbälle ausliess. Oder der Wimbledonfinal 2008, der von vielen als bester Match der Geschichte betrachtet wird, den ich aber gar nicht richtig geniessen konnte, weil wir voll in den Redaktionsschluss hineinkamen und der Ausgang bis zuletzt offen war. Auch ein Duell in New York zwischen Agassi und Sampras, das vier Tiebreaksätze brachte, ist mir unvergesslich geblieben.

 

Am 28. Juli beginnen die Olympischen Spiele in London. Wie sieht ein normaler Tagesablauf an der Olympiade für Sie als Berichterstatter aus?

Einen normalen Tagesablauf gibt es für mich vielleicht an Grand-Slam-Turnieren, aber nicht an Olympischen Spielen. Das ist das Schöne daran, aber auch die Herausforderung. Man wechselt, manchmal innerhalb des gleichen Tages, von einer Sportart zur nächsten, macht Interviews, Vorberichterstattungen, Kommentare, Reportagen, hat immer wieder Team-Sitzungen, bereitet sich vor - und kann dazwischen hoffentlich auch mal ganz einfach eine Veranstaltung geniessen.

 

Welche unvergesslichen Momente erlebten Sie an den Olympiaden?

Unvergesslich bleibt mir die Eröffnungsfeier 1996 in Atlanta, als plötzlich Muhammad Ali da stand und das Olympische Feuer entzündete, sowie die Schlussfeier 2000 in Sydney, den bisher besten Spielen, an denen ich dabei war. Da war die ganze Stadt ein einziges Sportfest. Und aussergewöhnlich war auch, als Xeno Müller im Rudern in Sydney Silber gewann. Weil das Rennen um neun Uhr am Sonntagmorgen stattfand, konnte ich darüber dank der grossen Zeitdifferenz sogar noch in der SonntagsZeitung berichten, also am gleichen Tag, an dem es geschah. Allerdings hatte ich nur noch wenige Minuten Zeit für meinen Bericht.